Internationalisierung der Symphonik

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Projekt „Internationalisierung der Symphonik“

Die Symphonie hat in ihrer langen Gattungsgeschichte verschiedene Transfer- und Internationalisierungsprozesse durchlaufen. Während das ursprünglich dreisätzige Formmodell um 1700 zunächst zur Eröffnung von Opern in ITALIEN entwickelt wurde (sog. neapolitanische Opernsinfonia), erfolgte die Emanzipation der Symphonie zu einer selbständigen Gattung der Konzertmusik im 18. Jh. im Zuge ihrer europaweiten Ausbreitung (mit der Metropole PARIS als Schwerpunkt des Konzert- und Verlagswesens), bei der sich viele regionale Traditionen entwickelten. Die außerordentliche Differenzierung sowie strukturelle und expressive Erweiterung, die die Symphonie ab dem späten 18. Jh. in WIEN erfuhr, und die von LEIPZIG ausgehende Kanonisierung dieser Wiener Variante zum klassischen, überzeitlich gültigen Modell autonomer Instrumentalmusik haben dazu beigetragen, dass symphonische Orchestermusik in der ersten Hälfte des 19. Jh. oft als primär deutsche Errungenschaft betrachtet und angesichts der staatlichen Zersplitterung Deutschlands als entscheidender Baustein einer Kompensationsstrategie nationalkultureller Identitätsbildung genutzt wurde. Im weiteren Verlauf des 19. Jh. hat sich das neue Kulturmuster des bürgerlichen Symphoniekonzerts in ganz EUROPA und schließlich WELTWEIT verbreitet. Durch diesen Transferprozess und die zunehmende Beteilung von Komponisten aus anderen Ländern kam es zu einer (Re-)Internationalisierung der Gattung und ihres Repertoires, auch im deutschsprachigen Raum.

Das Langzeitprojekt „Internationalisierung der Symphonik“ bietet eine Plattform, die das Repertoire möglichst vieler Konzertreihen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erfassen und so die notwendige Grundlage für vergleichende Studien – zur Internationalisierung, aber auch zu anderen Aspekten – auf einer breiten Datenbasis liefern soll. Es baut auf auf den Daten, die im Rahmen eines DFG-Projekts zu den Leipziger Symphoniekonzerten des Zeitraums 1835-1914 erhoben wurden und die schrittweise durch Daten zu anderen Phasen und aus anderen Städten erweitert werden.

Leipzig und die Internationalisierung der Symphonik. Untersuchungen zu Präsenz und Rezeption ‚ausländischer‘ Orchesterwerke im Leipziger Musikleben 1835-1914

Den Ausgangspunkt des am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig 2011-2016 durchgeführten DFG-Projekts bildete die gängige, aus dem heutigen Werkkanon abgeleitete Annahme, dass es im späten 19. Jahrhundert wieder zu einer Internationalisierung der symphonischen Orchestermusik kam, nachdem diese zuvor, seit der Kanonisierung des Modells der Wiener Klassik, primär von Werken deutschsprachiger Komponisten bestimmt worden war. Diese Hypothese am Beispiel Leipzigs zu überprüfen, bot sich besonders an wegen der Vorbildfunktion dieser „Musikstadt“ bei der Entwicklung des bürgerlichen Symphoniekonzerts und seines Werkkanons, wegen ihrer kontinuierlichen und gut dokumentierten Konzerttradition sowie der internationalen Ausrichtung ihrer Institutionen (Konservatorium, Musikverlage, Gewand­haus).

Die Internationalisierungsthese wurde sowohl quantitativ als auch qualitativ überprüft:

1. durch eine statistische Auswertung des Leipziger Konzert- und Verlagsrepertoires und seines Kontextes (u.a. der erhaltenen Korrespondenz der Institutionen);

2. durch eine inhaltliche Analyse der Besprechungen von Leipziger Erstdrucken und Aufführungen symphonischer Werke ‚ausländischer‘ Komponisten in der örtlichen Fach- und Tagespresse.

Es wurde gezeigt, dass der internationale Anteil am Leipziger Symphonik-Repertoire im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts tatsächlich zunahm. Allerdings fiel das Wachstum bei den Aufführungen geringer und weniger geradlinig als erwartet aus. Auch handelte es sich bei den präferierten Werken z.T. um andere als die des heutigen Kanons (zunächst mehr Skandinavier). Höher als in den Konzerten lag der internationale Anteil beim Verlagsrepertoire. Dies erklärt sich daraus, dass die Leipziger Verlage zunehmend für den Weltmarkt produzierten. Im Gegenzug sank ihr Einfluss auf die Konzertprogramme am Gewandhaus. Bei stetigem Wachstum und gleich­zeitiger Differenzierung sowie Professionalisierung des Leipziger Musikbetriebs kam es somit zu einer partiellen Entflechtung seiner verschiedenen Teilsysteme.

Siehe auch:

https://fob.uni-leipzig.de/public/details/forschungsprojekt/505

https://gepris.dfg.de/gepris/projekt/115710992/ergebnisse

Projektdaten

Zeitraum: 1835-1914
Korpus: Leipziger Sinfoniekonzertreihen (Gewandhaus, Euterpe, Winderstein-Orchester)
Quellen: Programmzettel und Musikzeitschriften

Projektverantwortliche

DFG-Projekt an der Universität Leipzig, Institut für Musikwissenschaft, 2011-2016

Projektleitung: Prof. Dr. Stefan Keym (keym@uni-leipzig.de)

https://www.gkr.uni-leipzig.de/personenprofil/mitarbeiter/prof-dr-stefan-keym/

Förderer