Ritualdesign für die Ballettbühne

Zum Projekt

Das Projekt „Ritualdesign für die Ballettbühne“ untersucht den Tanz im europäischen Musiktheater zwischen 1650 und 1760 in einem multiperspektivischen Ansatz. In den Bühnenwerken der Zeit werden auf vielerlei Weise gesellschaftliche Aushandlungsprozesse thematisiert. Im Tanz und der zugehörigen Musik, mit speziell kodierten Kostümen, Requisiten und Bühnenbildern wurden auf den Musiktheaterbühnen Europas soziale wie nationale Grenzen markiert (oder in arkadischen Szenen aufgehoben) und transkulturelle Räume geöffnet.
Der Ritualgehalt dieser Darstellungen im Sinne einer vorgeschriebenen, symbolischen und formalisierten Handlung mit transformativer Kraft und Wirkung steht als erkenntnisleitende Fragestellung im Zentrum des Projekts. Mit Hilfe von Fallstudien zu frühneuzeitlichen Musiktheaterproduktionen in Paris, London, Mailand und Stuttgart wird der Konstruktion von Ritualen und Volkskultur im Theatertanz nachgespürt.

I. Theatertanzchronik (TTC) Paris und Umgebung

Auswahlkriterien:

a. Theatertanz in höfischer Sphäre und an privilegierten Theatern
Aufgenommen wurden theatrale Aufführungen mit und von Tanz, die bei Hofe, in adeligen oder großbürgerlichen Stadtpalästen, Schlössern und Landsitzen, vor und mit hochadeligen Personen aufgeführt wurden. Bei Maskeraden und Hofballetten waren die Tänzer*innen teils von Adel oder stammten aus den urbanen Eliten, teils handelte es sich um Berufstänzer*innen. Berücksichtigt wurden zudem die Produktionen der französischen Schauspieltruppen des Théâtre de l’Hôtel de Bourgogne, Théâtre de Guénégaud und der daraus später zusammengeschlossenen Comédie-Française (gegründet 1680) sowie der Académie Royale de Musique (gegründet 1669). Die Aufführungen der Comédie-Française wurden nur bis zum Tode König Ludwigs XIV. 1715 erfasst. Aufführungen der Comédie-Italienne und ihrer Nachfolgeinstitutionen (Théâtre de la Foire, Opéra-Comique) sowie ballets de collège wurden nicht aufgenommen.

b. Erst- und Folgeaufführungen
Von jeder Produktion wurde wenigstens die Erstaufführung gelistet; zeitnahe Folgeaufführungen sind als solche gekennzeichnet. Dies betrifft primär Produktionen, die etwa an höfischen Residenzen außerhalb der Stadt Paris uraufgeführt und danach auch in Paris auf die Bühne gebracht wurden (bzw. in einigen Fällen auch in umgekehrter Richtung). Wenn eine Aufführung an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kontexten stattfand, wie z.B. Les Amours de Ragonde (Sceaux 1714, Académie Royale de Musique 1742 und Versailles 1745), wurde dies entsprechend verzeichnet. Bei Wiederaufnahmen kamen meist neue Tänze, Intermèdes oder Divertissements zur Aufführung hinzu, die jedoch nicht immer detailliert nachvollziehbar sind. In seltenen Fällen wurden Produktionen, denen eine neue Entrée hinzugefügt wurde (wie z.B. Les Sauvages (EA 1736) für Les Indes galantes (EA 1735) von Louis Fuzelier und Jean-Philippe Rameau), in der TTC auch mehrfach angeführt, dann aber immer mit dem Titel der Entrée und mithin als eigenständige Aufführung.

c. Quellenangaben
Die Quellenangaben verweisen immer auf möglichst zeitnahe Dokumente, die im konkreten Zusammenhang mit der Aufführung stehen. Dabei wurden gedruckte Quellen handschriftlichen Quellen vorgezogen. Auf die Angabe historischer Gesamtausgaben (Molière, Corneille etc.) wurde verzichtet. Als Textquellen dienten livrets de ballet, Libretti, Schauspieltexte, Szenare, sujets de ballet und Festbeschreibungen. In den meisten Fällen handelt es sich um Drucke; in einigen wenigen Fällen ist nur eine Handschrift überliefert. Für die Musikalien wurden sowohl Drucke als auch Handschriften und in seltenen Fällen recueils d’airs angegeben, wenn keine vollständige Partitur oder Stimmensätze gefunden wurden. Die Quellenfundorte sind mit den gängigen RISM-Sigla verzeichnet. Die Links zu den Quellen führen entweder zu einem Digitalisat, oder, falls ein solches nicht vorhanden ist, zum entsprechenden Bibliothekskatalogeintrag.

d. Referenzen
Für die Referenzen bis zum Tode Ludwigs XIV. wurde vor allem mit der Chronologie von Philippe Hourcade gearbeitet. Ergänzend wurden die Bibliographien von Beauchamps (bis 1735) und La Vallière (ab 1730) herangezogen. Als weitere zeitgenössische Quellen bis ins Jahr 1715 dienten die Ausgaben der Gazette de France, des Mercure galant sowie und der Muze historique von Loret, bzw. sowie die Publikationen seiner Nachfolger. Unter „Weiterführende Links“ wird primär auf zwei weitere Internetdatenbanken verwiesen: CÉSAR – Calendrier électronique des spectacles sous l’ancien régime et sous la Révolution sowie La Magazine de l’opéra baroque. In manchen Fällen wurde auch der Link zur Datenbank des CMBV/Centre de Musique Baroque de Versailles angegeben. Einige Links von Théâtre classique führen zu Schauspieltexten; für Mélicerte und La Pastorale de la Comtesse d’Escarbagnas wurden auch noch die betreffenden Seiten von http://www.toutmoliere.net/ referenziert, da keine aufführungsbezogenen zeitgenössischen Textquellen auffindbar waren und wie oben erwähnt auf Gesamtausgaben verzichtet wurde.

Rubriken:

Titel
Alle Titelangaben folgen der modernen französischen Rechtschreibung. Allerdings weicht die Schreibweise in den zeitgenössischen Quellen davon oft ab. Einige Titel sind nur Genrebezeichnungen (z.B. ballet, mascarade, divertissement, intermède) ohne exakte Titelangabe. In den meisten Fällen lassen diese sich nicht mit Drucken oder Handschriften belegen, sondern sind nur in der Gazette oder im Mercure galant dokumentiert.

Datum der Erstaufführung
Wo ein exaktes Datum nicht eruiert werden konnte, wurden nur das Jahr oder Monat und Jahr angegeben. In einem einzigen Fall, den Jeux à l’honneur de la Victoire von Élisabeth Jacquet de La Guerre, ist das Jahr nicht eindeutig bestimmbar.

Ort der Erstaufführung
Es wurden bei den Orten nicht nur die Stadt Paris, sondern auch königliche oder adelige Residenzen im Umland berücksichtigt.

Datum Folgeaufführung an anderem Ort
Zeitnahe Folgeaufführungen (mit gleicher Besetzung), die in vielen Fällen vom Hof in die Stadt kamen, sind als solche gekennzeichnet.

Ort Folgeaufführung an anderem Orte
Der exakte Ort der Folgeaufführung, also z.B. Paris nach einer Erstaufführung in einer königlichen oder adeligen Residenz im Umland, wird hier angegeben.

Textautor*in
In dieser Rubrik steht der Name des Textautors oder der Textautorin des livret de ballet, des Schauspieltextes, des Szenars, des Sujets oder auch des Librettos. In manchen Fällen handelt es sich um mehr als eine Person. Es wird die standardisierte Schreibweise der Namen angezeigt.

Komponist*in
In den meisten Fällen stammt die Musik von einem einzelnen Komponisten / einer einzelnen Komponistin. Bei den früheren Hofballets des Untersuchungszeitraums waren hingegen häufig mehrere Komponisten mit getrennten Verantwortlichkeiten für Vokal- und Instrumentalstücke involviert; gelegentlich wurden alte und neue Kompositionen zusammengefügt. Es wird die standardisierte Schreibweise der Namen angezeigt.

Compositeur / Compositrice de danse
Der französische Begriff meint immer Tänzer*innen, die nachweislich einen oder mehrere Tänze für die Aufführung erschaffen haben, sofern diese Person(en) bekannt ist (sind). Der Beruf des Choreographen im heutigen Sinne existierte zu dieser Zeit noch nicht. Es wird die standardisierte Schreibweise der Namen angezeigt.

Referenzen

Die verwendeten Referenzen finden sich in der Bibliographie.

Sekundärquellen

Hier sind die Repertorien von La Magazine de l’opéra baroque und von Théâtre classique sowie die Einträge des Centre de Musique Baroque de Versailles verlinkt. Die Links der Datenbank CÉSAR führen zu einer privaten Website, die diese Datenbank zur Zeit beherbergt (Stand Nov. 2019).

Projektverantwortliche

Emmy-Noether-Nachwuchsgruppe
Leitung: Dr. Hanna Walsdorf
Universität Leipzig
Institut für Theaterwissenschaft
Ritterstraße 16
04109 Leipzig

Förderer